auf dem weg in die bibliothek sann ich über den sinn und zweck meiner erzgebirgsstudien nach. zuletzt geht es mir wohl darum, die geistige signatur dieser gewerbelandschaft nachzuzeichnen: zum einen um auf diese weise eine literaturgeografie, zumindest für mich selber, zu schreiben und damit den anscheinend ungemein dichten text-codierungen auf die spur zu kommen, die auf der landschaft liegen bzw. in sie eingeschrieben sind – und die dem sensiblen kundschafter in allen gegenständen präsent zu sein scheinen, in wirklichkeit aber nur halbverborgene elemente eines äußerst dichten kulturellen gedächnisses darstellen; zum anderen aber darum, anhand der entwicklung dieser gewerberegion bis in ihre industrialisierung hinein die bedeutung geisteswissenschaftlicher bildung für technische innovation, wo nicht zu beweisen, so doch zumindest einen zusammenhang plausibel erscheinen zu lassen.
hans-peter friedrich in seinem debattenbeitrag zur aussprache über die griechenlandhilfe: „(…) tatsache ist (…), jeder staat, jedes land, jede volkswirtschaft ist nur so wohlhabend, wie die menschen in dieser volkswirtschaft fleiß, ehrgeiz, leistungsbereitschaft, disziplin mitbringen (…) eine währung ist die geronnene leistungskraft einer volkswirtschaft (…)“.1 diese rhetorik, die sich so beredt und kundig gibt („geronnene leistungskraft“), aber zuletzt nur die verkürzte und enggeführte zusammenfassung eines wirtschaftswissenschaftlichen proseminars liefert, ist – erschütternd und niederschmetternd: so etwas wird einem angeboten, dass man beeindruckt sein und nicht weiter nachfragen soll. was helfen denn „fleiß, ehrgeiz, leistungsbereitschaft, disziplin“ einer teepflückerin in kashmir, einer näherin in indien, einer mutter in den slums von nairobi? das ist das problem der wirtschaftswissenschaftler: sie verfügen eben über kein historisches verständnis und haben keine sozial- und wirtschaftshistorischen kenntnisse. annahmen der klassischen ökonomie (adam smith) werden mantraartig wiederholt, was bestenfalls ein ausweis spätmoderner frömmigkeit ist, die ins wirtschaftliche transponiert wurde. aber welche mentalitäten und sozioökonomischen strukturen die welt prägten, die adam smith vor augen hatte und aus der heraus er seine überlegungen formulierte, die scheinen dem vergangenheitsblinden wirtschaftswissenschaftler unerheblich. manchmal möchte man einfach nur schreien – wenn das denn etwas hülfe …
1 redebeitrag von hans-peter friedrich (cdu/csu) vom 05.05.10, 10.24 uhr ff. (39. sitzung, top zp 1, 1); siehe auch: http://webtv.bundestag.de/iptv/player/macros/_v_f_514_de/od_player.html?singleton=true&content=603646.